Predigt für den 23. Januar 2022

Rodheim, 23. Januar 2022  Matthäus 8, 5 – 13

Der römische Hauptmann von Kapernaum

 

Oben, am See Genezareth, Kapernaum ist gleich um die Ecke…

 

Diese Geschichte wurde in einer Zeit niedergeschrieben, in der die Juden in einer großen Krise steckten. Die Römer hatten den großen Tempel in Jerusalem geplündert und zerstört

( 70 nach Christus), die verschiedenen jüdischen Strömungen waren unter sich zerstritten:

Auf der einen Seite die Tempelelite der Sadduzäer, die keinen Tempel mehr hatten, auf der anderen Seite die jüdischen Terroristen, die mit ihren Kurzschwertern, die sie unter ihrem Umhang zückten und so ganz unauffällig römische Prominente umbringen konnten.

Wie sollten die sich alle zu der römischen Siegermacht stellen?

Untereinander hatten die Juden keinen Halt mehr. Viele waren zu den Christen übergetreten, die anderen hielten an ihrem jüdischen Glauben fest.

Oben, am See, war ein römischer Hauptmann, der eine Menge Soldaten unter sich hatte.

Er hätte seinen todkranken Diener einfach gegen einen gesunden ersetzen können. Warum machte er das nicht?

Ein nicht religiöser Mensch verzichtet auf seinen Anspruch als römischer Soldat.

Er bittet einen um Hilfe, dessen Land sie besetzt und deren Religion sie verhöhnt und beleidigt haben.

Und was sagt Jesus dazu? „Na, dann wollen wir mal!“ Keine Diskussion, ob sich ein Jude unrein macht, wenn er das Haus eines Römers betritt. Natürlich darf das nicht sein!

Aber er macht es einfach, weil für Jesus eben der Mensch zählt, nicht seine Identität,

also wo er herkommt, oder seine Religion.

 

Der Palästinenser hilft einem Israeli, der Samaritaner hilft einem Juden – undenkbar,

aber genau so hat es Jesus gesehen und er hat es so gelebt.

Deswegen sagt Jesus zu dem Hauptmann: Bei niemanden in Israel habe so einen gefunden, der so viel Vertrauen hat wie du! Die aus Israel wollen zwar alle, nach ihrer jüdischen Hoffnung, wieder mit Abraham, Isaak und Jakob am großen Tisch sitzen.

Aber es genügt eben nicht nur Söhne des alten Reiches zu sein, sondern sie müssen alle getan haben, worum es im Leben geht! Nicht nur ans Erben denken und dann wird schon alles gut.

Und gerade weil sie nur ihre Identität, ihre Tradition im Kopf haben und den Nächsten liegen lassen, werden sie draußen bleiben und nichts von der schönen Feier abbekommen.

Heulen und Zähneklappern und kein Licht, das bleibt aus.

Die Fürsorge und die Zuneigung stellt Jesus höher als die Religion oder die eigene Herkunft.

Das haben nicht einmal meine eigenen Leute begriffen!

Nicht die Religion oder das Bewusstsein , woher wir sind, hält uns am Leben,

sondern die Barmherzigkeit hält uns am Leben. Manchmal geht die Religion oder das Bewusstsein, woher man kommt, gerade gegen das Leben.

Fürsorge und Zuneigung haben ihre Wurzeln nicht nur der Religion. Aber die Religion kann der echten Fürsorge, der menschlichen Zuneigung, der Barmherzigkeit Halt geben:

Durch Weitererzählen und weiterleben in Barmherzigkeit und echter Zuneigung.