ZUM ABSCHIED SAGE ICH LEISE SERVUS

„Das ganze Leben besteht in einem ständigen Neubeginn“

Hugo von Hoffmannsthal

 

 

ZUM ABSCHIED SAGE ICH LEISE SERVUS

 

Als freiwillig ausscheidendes Mitglied des evangelischen Kirchenvorstandes der Gemeinde Rodheim vor der Höhe möchte ich, Ralf Schwarz, mich mit ein paar ganz persönlichen Gedanken, Erinnerungen und des Dankes verabschieden.

 

Wenige Geräusche sind uns im öffentlichen Raum so vertraut wie der Klang unserer Kirchenglocken. Sinnbild für Beständigkeit, immer Dagewesen, jetzt und alle Zeit in Ewigkeit. Nun der Schein (Klang) trügt! Denn mit jedem Kirchenaustritt, schmilzt  so

zusagen ein kleiner Teil der „Glocke“ hinweg. Bis eines Tages der Glocke der Klöppel fehlt, bzw. es nur noch so wenige Kirchenmitglieder gibt, das die Pfarrstelle halbiert oder ganz gestrichen wird oder es zu einem unzumutbaren Gemeindezusammenschluss kommt.

So spielt es sich jeden Monat vor meinem geistigen Auge ab. Immer dann, wenn  es bei den Kirchenvorstandssitzungen zu dem Tagesordnungspunkt

„Eintritte / Austritte“ kommt und die Namen derjenigen vorgelesen werden, welche ausgetreten sind und somit die Glocke zu glühen, abschmelzen bringen. Dies ist eine große Sorge, welche ich in mir trage! Ich frage mich immer wieder, wie man diesen Prozess verlangsamen könnte. Aufzuhalten scheint dieser leider nicht mehr zu sein. Dazu gab es  zu viele Verfehlungen von Menschen, die in der Verantwortung standen, Vorbilder zu sein.  Innerhalb aller Kirchen und öffentlichen Institutionen gegenüber Schutzbefohlenen, ist leidvolles Unrecht geschehen. Tagtäglich passiert nach wie vor irgendwo in der religiösen Welt ein Unheil gegenüber Unschuldigen. Auch das Festhalten an getroffenen, starren, unnachgiebigen Fehlentscheidungen trägt seinen Teil der Verdrossenheit bei. Deshalb wenden sich die Menschen von der Kirche ab, weil sie sich nicht mehr mit ihr identifizieren können.

Tja, was kann man gegen die Austritte tun?

„Ich als kleines Rädchen im System kann sowie so nichts ändern“. „Was habe ich denn schon zu sagen“. „Die da oben machen doch sowie so was sie wollen“.

Und so weiter und sofort. Die Liste der Totschlagargumente ist lang.

Was sehr förderlich erscheint, ist eine exzellente Basisarbeit zu leisten. Vom Ehrenamtlichen bis hin zum Papst. Sehr nahe an unseren Mitmenschen dran zu sein. Authentisch, offen und ehrlich zu sein. Scheinheiligkeit und Arroganz, Religion implizierend von ober herunter zu predigen ist genauso befremdlich wie an alten Zöpfen unnachgiebig fest zuhalten. Eine Kirche muss offen und modern sein.

Das starre Korsett der Etikette zu lockern oder am besten sprengen.

Und ganz gewiss kannst du, liebe Leserin oder Leser, dieses Textes etwas beitragen.

Wenn sie ein offenes Herz haben und sie es lieben mit Menschen in Kontakt zu treten, ihnen ein offenes Ohr schenken und sie glauben den Gemeindemitgliedern ein Wort der Zuversicht und Hoffnung geben zu können, DANN brauchen wir SIE!

Das ist einfacher als sie glauben. Probieren sie es aus. Wo? In unserer Kirchengemeinde.

 

Ansonsten habe ich diese Sitzungen sehr gemocht. Weil in diesem Gremium eine sehr angenehme Harmonie zwischen den, von ihnen gewählten, Damen und Herren und mir, zu spüren war. Ich hatte nie das Gefühl ein unwillkommener Außenseiter gewesen zu sein oder nicht dazu gehörig gewesen zu sein. Deshalb gibt es an dieser Stelle, ein aus tiefen Herzen kommendes Dankeschön an alle KV Mitglieder. Für eure Sympathie und Wertschätzung, die mir zuteil geworden ist.

Egal ob die KV Mitglieder schon da waren oder die, die im Laufe der letzten 12 Jahre nach mir dazu gestoßen sind. Das gilt ohne jegliche Ausnahme!

 

Natürlich gab es spannendere und manchmal sehr zähe und langwierigen Themen. Wiederkehrendes. Lustiges und kurioses, trauriges. Eben alles was das Leben in der Gemeinde und die Kirchenverwaltung zu bieten hat! Der Ton machte die Musik – und dieser Ton stimmte immer. In sehr gelöster und angenehmer Atmosphäre wurde sachlich, mitunter beharrlich ausdauernd diskutiert – aber nie gestritten. Ich fühlte mich sehr wohl in diesem Kreis. Auch hatte ich den Eindruck, dass meine Ideen, Meinungen und Worte auf fruchtbaren Boden fielen!

 

Ich mochte das Gespräch mit den Gemeindemitgliedern auf der Straße, in der Arche  und in der Kirche sehr gerne. Wobei ich bevorzugt den ruhigen Zuhörer gab. Meinen Gesprächspartner einen sehr zugewandten Zuhörer ohne Zeitdruck bot!

Gerne schenkte ich ein Lächeln. Das half IMMER! Ein Lächeln sagt manchmal mehr als tausend Worte. Aus tiefen Herzen lächeln öffnet Herzen und Türen.

Seien oder werden auch sie so ein Türen- und Herzensöffner, so wie ich einer in den letzten 12 Jahren sein durfte. Zuhören zu können ist ein göttliches Geschenk!

Schnuppern sie in die Vielzahl der Kreise hinein. Probieren sie sich aus. Ich bin sicher, dass auch sie ihren Platz in der Kirchengemeinde finden können.

Vielleicht beginnt jetzt oder in den nächsten Wochen ihre Zeit. Die Adventszeit ist eine sehr geeignete, wunderbare Jahreszeit mit all ihren Hoffnungen, Botschaften Düften und Ritualen sich in unsere Gemeinde hineinfallen zulassen.

 

Im Leben hat alles seine Zeit und Wandel! Meine Zeit im Kirchenvorstand ist deshalb vorbei, weil ich seit zwei Jahren nicht mehr im schönen Rodheim wohne. Ich also nicht mehr jeden Tag oder Sonntag für die Gemeinde präsent bin. Eben nicht mehr so nahe an den Menschen dran sein kann, wie ich es sein möchte.

 

Meine Energie mit einem Hauptaugenmerk galt in den zurückliegenden Jahren, meinem ins Leben gerufener Filmkreis, der ARCHE – film – ABEND.

Eine Herzensangelegenheit von mir über das Medium Film den Menschen Botschaften zukommen zu lassen. Gezeigt und angesprochen wurden alle Themen aus der Welt über das Zusammenleben von Menschen. Schicksalhaftes, politisches und soziales, Liebe und Hass, Krieg und Frieden. Hoffnung und Zuversicht. Ganz besonders wichtig dabei ist mir das Kapitel „gegen das Vergessen“ aktiv zu sein!

Dabei begrenzt es nicht nur auf die Shoah, nein, kein Unrecht in der Welt soll vergessen werden!

Mein Film - Engagement werde ich weiter nach meinem Ausscheiden aus dem KV. mit Freude praktizieren!

Soweit es die Corona Bestimmungen zulassen oder auch nicht. Solange mir mein Publikum treu bleibt und es meine Lebensumstände zulassen, werde ich das Projekt Filmabend am Leben erhalten. Werde ich versuchen weitere Highlights der ARCHE – film – ABENDe hinzuzufügen.

Besondere Highlights waren die Filmtermine bei denen internationale Speisen live vor Ort in der Arche von Andreas Mück und seinem „Dreamteam“ gekocht und zubereitet wurden. Mit seinen Damen an seiner Seite zauberte dieses Team sensationelle Essen aus Cuba, Indien, Peru, Italien, Japan und Portugal.

Heiß begehrt und gerne angenommen – kein Wunder, denn die Rodheimer Essen gerne!

Mein ganz besonderer Dank gilt an dieser Stelle neben Andreas Mück der Grande Dame des Arche Forums, Inge Ullrich. Wir alle in der Gemeinde kennen Inge als einen helfenden Engel. Sie ist mit Herzblut immer zur Stelle, wenn sie gebraucht wird. Eigentlich ist sie schon immer vorher da, bevor sie gebeten wird dazu sein.

 

Besondere Filmabende waren auch die mit Gastredner*innen.

So brachte uns eines Filmabends Frau Karin Unger–Berger anhand von traumhaft schönen Bildern Jordanien näher oder Rechtsanwalt Stephan Voelkel referierte uns nach einem Frankfurter Auschwitzprozess Film die damalige Rechtsprechung. Peter Groetsch öffnete uns sein Herz nach einer Berliner Friedhofsdokumentation und gab uns seinen Blick frei von einem Menschen der Tag für Tag mit dem Tod und Sterben in Berührung kommt.

Auch kam „Lawrence von Arabien“ mal vorbei und erzählte aus seinem Leben.

Sprichwörtlich Anbauen musste ich bei dem Publikumsandrang bei der Komödie

„Ziemlich beste Freunde“. Große Freude bereitete nicht nur mir der Tierfilm über die Erdmännchen in „Die Wächter der Wüste“.

Ein ganz besonderer Filmabend, für mich persönlich, war der Liveauftritt der deutsch-amerikanischen Sängerin Michelle Poole bei dem Portrait-Spielfilm über das Leben von Martin Luther King.

Michelle sang den Titelsong des Films „Selma“ live nur begleitet von Erika Ulherr am Klavier. Das war ein Ohrenschmaus der besonderen Art.

Michelle lernte ich vor Jahren in der ev. Kirche kennen, als sie an einem Pfingstsonntag live sang. Ich halte bis heute noch schriftlichen Kontakt zu ihr.

 Erika Ulherr gab des weiterem mit ihrem Klavierspiel, anlässlich einer Gedenkfeier zum 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslager Auschwitz bei einem

ARCHE – film – ABEND, einen festlichen Rahmen.

Mitwirkende dieser Gedenkstunde waren: 

Herr Rainer Schaub von der Stadt Rosbach,

Die „Männer am Kamin“, 

Herr Dieter Mehring, Vorsitzender des Rodheimer Geschichts- und Heimatverein (RGHV)

und Peter Groetsch in seiner Funktion als KV Vorsitzender.

Ehrengast war Dekan Volkhard Guth.

 

Mehrere Filme wurden gerne und in Kooperation mit den Gemeindekreisen „Männern am Kamin“ und dem „Arche Forum“ (ehemals Frauenforum) gezeigt.

 

Herzerfrischend und persönlich bereichernd empfand ich die theatralischen Auftritte von Pfarrer Lothar Berger und mir in der Arche und in der Kirche, wenn es darum ging wenn „Der Teufel“ los war. Geistreiche und erheiternde Szenen zwischen dem Teufel, Luther und dem Pfarrer. Und natürlich des weiterem auch die schauspielerische Begegnung zwischen Gott und dem Clown (Beate Münzberg) im Rahmen eines Gottesdienstes der Menschen mit Behinderung.

 

Alle meinen zahlreichen Gästen, Helfern und Rednern, den Gemeindekreisen erbiete ich meinen demütigsten Dank! Ganz besonders herzlich möchte ich mich bei Pfarrer Lothar Berger bedanken. Er ist derjenige, welcher das alles mit seiner offenen und liberalen Haltung zugelassen hat und zulässt! Das ist Basisarbeit, von der ich bereits sprach. Das ist eine Haltung die eine moderne Kirche braucht.

 

Zurückblickend hatte meine Arbeit in der Gemeinde im Jahr 2008 begonnen. Das Pfarramt war vakant. Die Gemeinde war auf die Hilfe außergemeindlicher Pfarrerinnen und Pfarrer angewiesen. Das galt im Besonderen für den Konfirmandenjahrgang 2007/08. Der Jahrgang wäre fast nicht konfirmiert worden, hätte der damalige KV unter Peter Groetsch sich nicht so beherzt für die Jugendlichen eingesetzt. Es gelang den, leider schon verstorbenen, Dekan Jörg – Michael Schlösser (verstorben am 07.08.2018) zu gewinnen. Dekan Schlösser unterrichtete die Gruppe samstags vormittags, immer gemeinsam mit deftigem Frühstück, versteht sich!

Er konfirmierte seine jungen, glühenden Anhänger im April 2008. Dieses „dranbleiben“ ein Problem zu lösen war für mich die Initialzündung beim Kirchenvorstand mit dabei zu sein! Also brachte ich mich in die Gemeinde ein. Anfangs bei Arbeiten im Rahmen von Gemeindefestlichkeiten, wie das Archefest oder den Adventsmarkt. Hierbei knüpfte ich Kontakte und mein persönliches Netzwerk. Interessante Gespräche und gemeinsame Projekte fanden hierbei ihren Ursprung. Ideen wurden gefunden und realisiert.

Als nützlicher Nebeneffekt wurde der ARCHE – film – ABEND Wirklichkeit.

Bei meiner ersten Kandidatur der KV Wahl vom 21. Juni 2009 schaffte ich es nicht direkt gewählt zu werden. Innerhalb des Jahres wurde ich nachnominiert und wurde als „Nachrücker“ an Pfingsten 2010 feierlich in mein Amt eingeführt. Bei meiner zweiten Wahl vom 26. April 2015 schaffte ich es direkt in den KV zu meiner zweiten Amtszeit gewählt zu werden.

Als ein besondere Ehre empfand ich bei den Konfirmationen, stellvertretend für den KV Vorsitzenden Peter Groetsch und die Vorsitzende Margot Mehring, die Reden an die frisch konfirmierten der Jahrgänge 2012, 2015, 2016, 2017 und 2018 in der Kirche zu Rodheim halten zu dürfen.

Ja, alles hat seine Zeit!

So sage ich am Sonntag, dem 12. September, bei meiner

Kirchenvorstandsverabschiedung LEISE SERVUS.

 

Jeder einzelne von ihnen ist ein Faden meines Erinnerungstuches, welches sich im Laufe der Jahre immer grösser und dichter zusammenwebte. Dieses sinnbildliche Tuch wird mich noch viele Jahre begleiten, behüten und erfreuen.

 

Gesegnet seien Sie!

 

„Eine Segnung ist nicht etwas, das ein Mensch uns gibt.

Segnung ist ein Augenblick von Begegnung, in der wir an unseren

wahren Wert erinnert werden“. 

R.N. Remen

 

Ich bedanke mich für diese wunderbaren Jahre bei allen Menschen denen ich in dieser Zeit begegnen durfte. Zusammen gearbeitet habe, Gemeinsame Projekte realisiert habe. Getanzt, gefeiert und gelacht habe. Gemeinsam gebeten und gesungen habe.

Allen erwähnten und unerwähnten. Und ganz besonders danke ich denen, die ich vergessen habe zu erwähnen. Entschuldige mich für alle unpassende Worte von mir und besonders für die Worte, die ich hätte aussprechen sollen, es aber unterlassen habe.

DANKE!

 

 

Vielleicht sehe und spreche ich sie ja wieder, beim einen oder mehreren ARCHE – film – ABENDen.

 

 

Ralf Schwarz, im September 2021